Fähr-Maserati der Ostsee – Serie: Gotland, mehr als nur ein Kalkstein-Plateau (Teil 3/10)

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Mit einer kleinen Geländewagen der G-Klasse von Mercedes-Benz auf der großen Insel Gotland.. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Visby, 6.2.2022

Gotland (Roads’R’Us). Aber wir haben noch einen Termin: beim Kapitän auf der Brücke. Nils Kapus, gebürtig aus dem südschwedischen Schonen, empfängt uns mit breitem Lächeln und fragt nach unserem Begehr. Ob wir einen Kaffee möchten?

Mit dem Warmgetränk in der Hand lässt sich´s gut plaudern. Zum Beispiel über den Bordeinsatz. „Nach einer Woche Dienst gibt´s zwei Wochen frei“, sagt der Vierstreifen-Mann, „nicht nur für mich, sondern für alle“. Das sei außergewöhnlich in der Seefahrt, „aber so bekommen wir Leute“.

Zweiter Offizier Fredrik Fäldt-Backmann, seit dem Auslaufen für sechs Stunden wachhabender Steuermann, grinst nur aus seinem Pilotensessel: „Manche Frauen hätten´s gern andersrum!“ Befragt nach seiner Ausbildung, sagt der junge Mann: „Insgesamt vier Jahre, davon eins in der Praxis an Bord“. Und wer Lotse werden wolle, müsse in Schweden immer noch das Kapitänspatent erwerben und zwei Jahre ausfahren.

Auf dem Weg von Rostock nach Visby mit einer Fähre. © Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Ostsee, 5.2.2022, BU: Stefan Pribnow

Nils Kapus braucht keinen Lotsen auf der Strecke von Rostock nach Visby und Nynäshamn südlich von Stockholm: „Ich bin sechs Mal mit Lotsberatung gefahren und habe dann eine Prüfung gemacht – auf Deutsch“. Obwohl er die Sprache eigentlich nicht könne, lacht er.

Ausgucksmatrose Fredrik Jacobsson hat die Ausbildung noch vor sich. Er schwenkt sein Fernglas hinüber zu den Leuchttürmen an Steuerbord, die in Sicht kommen: Darßer Ort, Hiddensee und schließlich Arkona, von Backbord blitzt das Feuer Klintholmhavn der dänischen Insel Mön seine Lichtsignale herüber. Die letzten Leuchttonnen der Kadetrinne verquirlen im Kielwasser der mit 23 Knoten durch die finstere Ostsee-Nacht dahinjagenden „Drotten“.

Mit einer kleinen Geländewagen der G-Klasse von Mercedes-Benz auf der großen Insel Gotland.. © Dr. Peer Schmidt-Walther, Foto: Christian Rödel, Aufnahme: Visby, 6.2.2022

„Wir können noch ein bisschen schneller“, meint Kapitän Kapus verschmitzt, „wenn ich die Hebel der vier Maschinen auf den Tisch lege, spurtet sie los mit bis zu 31 Knoten!“ Das ist so recht nach dem Geschmack des Zweiten Offiziers und er reckt einen Daumen nach oben, „aber dann fressen die 70.000 Pferdchen im Keller auch 65 Tonnen Marinediesel pro Tag.“ Ein schönes Gefühl sei es dennoch, so dahinzubrettern und alle zu überholen. Wie mit einem Maserati!“

Das sei auch nicht gut für die CO2-Bilanz, ergänzt Kapus, der auch auf die vorgeschriebene Rauchgasentschwefelungsanlage, den nachgerüsteten Scrubber, der „Drotten“ hinweist. Doch bei Fahrplanproblemen wegen Schlechtwetter habe man jedoch ausreichend Reserven.

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