Gut, wenn ein Stern leuchtet – 20 Jahre Omnibusbau im Hosdere

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© Daimler

Istanbul, Türkei (RoadsRus). Istanbul ist eine große Stadt, jupheidi jupheida, die auch Omnibusbauer hat, jupheidi, jupheida, jupheidi fiderallala. Richtig, eigentlich sollte Frankfurt am Main diese Stadt sein, die alles hat: Bäcker, Metzger, Schuster, Schutzmann und Schreiner, aber eben keinen Omnibusbauer. Wer den sehen und wie im bekannten wie beliebten Kinderlied besingen will, der muss dieser Tage nach Istanbul, genauer: nach Hosdere.

Dort, in der nach allen Seiten breit machenden Stadt am Bosporus, die auch nach oben und also hoch hinaus wuchert, wächst die Bevölkerung und das Bedürfnis, Bus zu fahren. Seit 1950 hat sich die Zahl der Einwohner mehr als verzehnfacht. Rund 15 Millionen könnten es schon sein. Genaueres weiß keiner. Hinzu kommen jedes Jahr weit über 10 Millionen Besucher, wie wir. Gut, dass nicht alle nach Hosdere wollen, denn der Verkehr wird mehr in der Metropole, die früher Konstantinopel hieß und der Nabel des oströmischen Reiches war. Gegründet wurde die Stadt zwischen Goldenem Horn, Marmarameer und Bosporus, lesen wir via Wikipedia Mobil, „von dorischen Siedlern aus dem griechischen Mutterland um 660 (vor unserer Zeitrechnung, d.A.) unter dem Namen Byzantion“.

Der Name der Stadt mag die nächsten Jahre bleiben, die Bevölkerung wird weiter wachsen und die Stadt Land „fressen“. In den nächsten zehn Jahren rechnen manche mit mehr als 5 Millionen Zuwanderern.

Die und noch viel mehr wollen aber nicht nur wandern, sondern auch fahren, Bus vor allem und zwar den mit dem Stern. Mercedes-Benz ist Marktführer in der Türkei, wo vor fast 50 Jahren die Geschichte mit den Mercedes-Benz-Omnibussen begann.

Anfang Dezember 1966 gründete die damalige Daimler-Benz AG mit zwei türkischen Teilhabern die Otomarsan A.S. Damals wurde zwar auch in Istanbul produziert, jedoch in Davutpasa. Ab 1968 rollte der Linienbus O 302, der in Lizenz gebaut wurde, aus der Halle. Der Laden lief und die Daimler-Benz AG stockte 1989 ihre Anteile auf 50,3 Prozent auf. Im November 1990 wurde aus der Beteiligungsgesellschaft die Mercedes-Benz Türk A.S. Im Juni 1995 legten die Lohnarbeiter im Werk Hosdere los, so dass aus der modernen Omnibusfabrik mit 30 000 Quadratmeter überdachter Produktionsfläche jährlich rund 2000 Busse rollten.
Der O 403, der im Ausland als O 350 Tourismo bekannt ist, wurde 1995 erstmals im Bus-Werk in Hosdere gefertigt. Im Laufe von 20 Jahren entwickelte sich der Tourismus zum erfolgreichsten Reisebus in Europa, in dem sogar „die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fuhr“, als sie 2014 in Brasilien Weltmeister wurde, erzählt Hartmu Schick, Leiter Daimler Busse und seit 1. März 2009 Verwaltungsratspräsident der Mercedes-Benz Türk A.S. Hergestellt in Hosdere!

In 20 Jahren sind vom Tourismo O350 „mehr als 21 000 Einheiten vom Band gelaufem“, teilt die Daimler AG in einer Presseinformation vom 2. September 2015 mit, während Schick in seiner Rede am 2. September 2015 in Hosdere vor Dutzenden Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien vom „erfolgreichsten europäischen Reisebus der Gegenwart“ und „über 22 000 verkauften Einheiten“ sprach. Tausend mehr oder weniger spielt in der Türkei keine Rolle, wenn man schon nicht weiß, ob in Istanbul insgesamt 14 oder 15 Millionen Menschen wohnen.

Heute werden in Hosdere Stadt-, Überlandlinie- und Reisebusse sowie Setra Überlandlinienbusse gebaut. Werksleiter Dr. Martin Walz: „Wir haben kürzlich die Marke von 75 000 produzierten Bussen“ erreicht. Für diesen Erfolg floss ein großer Teil des Geldes, dass Daimler seit Gründung 1967 in die Werke in Istanbul und Aksary, wo Lastkraftwagen hergestellt werden, steckte, von 885 Millionen Euro ist die Rede, ins Werk Hosdere, wo heute rund 4 500 Omnibusse in einem Jahr gebaut werden.
Von denen bleibt ein Viertel in der Türkei, wie Dr. Walz gegenüber „WELTEXPRESS“ erklärte. Schick ergänzt, dass „zwei Drittel der gefertigten Omnibusse nach Europa sowie in den Nahen und Mittleren Osten exportiert werden“.

Britta Seeger, die seit August 2015 das operaitve Geschäft der Mercedes-Benz Türk als „Präsidentin & CEO“ führt, freut sich über einen Marktanteil der Marke Mercedes-Benz Reisebusse von, wie Schick in seiner Ansprache festhält, „fast 64 Prozent“. Schick, rank, schlank und blond, bedankt sich bei allen am Busbau beteiligten. Die Belegschaft arbeitet derweil an Dutzenden Bussen.

Dr. Walz gibt in seiner kürzeren und knappen Rede harte Fakten und nackte Zahlen zum Besten aber auch diesen Hinweis, den wir gerne weitersagen. Mercedes-Benz Türk unterstützt in einem sozialen Projekt mit dem Namen „Jedes Mädchen ist ein Stern“ vor allem Mädchen bei einer besseren Schulbildung, eine bessere Ausbildung und universitäre Bildung. Walz freut sich, dass heute im Werk Hosdere 20 dieser geförderten Mädchen arbeiten. Der Anteil der Frauen betrage 35 Prozent, Tendenz hoffentlich steigend, und der Anteil unter den Teamleitern läge bei 18 Prozent, Tendenz hoffentlich stark steigend. Zwar lässt sich Martin Walz nicht auf meine Forderung festnageln, als wir über Offene Gesellschaften und ihre Feinde reden, aber er redet nicht nur, er kann auch zuhören, zeigt sich offen.

Leuchtende Beispiele für eine gerechte Gesellschaft sind in der Türkei notwendiger denn je. Unter Recep Tayyip Erdoğan und der Mehrheitspartei AKP werden Schriftsteller und Journalisten unterdrückt, verfolgt, verhaftet, gefoltert. Die Türkei führt wieder Krieg gegen Kurden im eigenen Land und in fremden Ländern. Die Korruption nimmt zu. Die Demokratie nimmt ab. Unter Erdogan wurden – frei nach dem Nationalisten Ziya Gökalp – die Minarette zu Bajonetten, die Moscheen zu Kasernen, die Gläubigen zu Soldaten. Die Türkei ist schon lange nicht mehr Atatürks Land, die Leute vertreten mehrheitlich nicht mehr republikanische Werten und Laizismus. Leider. Gut, wenn ein Stern leuchtet. Jupheidi fiderallala!