Reich der Mitte fährt in Deutschland auf – Wir nahmen ein kompaktes E-Auto unter die Lupe – den Great Wall Motors (GWM) Ora 03 GT

GWM ORA 03 GT © Great Wall Motors

Berlin, Deutschland (Roads’R’Us). Ich erinnere mich genau an meine erste Begegnung mit Fahrzeugen der chinesischen Marke Brilliance – auf der Internationalen Automobilausstellung 2005 in Frankfurt am Main. „BS4“ und „BS6“ waren die chinesischen Fahrzeuge, die zwei Jahre später auf den europäischen Markt kommen sollten. Indes – es kam anders, und das mit weitreichenden Folgen.

Im Crashtest des ADAC zerlegte sich die Fahrgastzelle des Mittelklässlers BS6 so extrem, dass Insassen kaum Überlebenschancen gehabt hätten. Aus die Maus. Marktstart abgebrochen. Lange Zeit gab es kaum Neues in puncto Automobile aus dem Reich der Mitte – bis auf die Tatsache, dass vor allem deutsche Firmen mit dortigen Autobauern kooperierten und dabei Wissen und Know-how vermittelten.

Rund 20 Jahre später sind zahlreiche chinesische Automarken in Europa angekommen, und die meisten Modelle erzielen heute Bestnoten im Euro-NCAP-Crashtest. Im Gegensatz zu den 2005 inspizierten Brilliance-Modellen sind sie sauber verarbeitet, mit modernster Technik und viel Komfort ausgestattet. Die meisten Hersteller sind bereits in den Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) aufgenommen worden. So auch Great Wall Motors (GWM) im Jahre 2022. Bislang ist die Marke mit den beiden Baureihen Ora und Wey auch auf dem deutschen Markt vertreten – weitere Modelle sind im Anrollen.

Im Kurztest nahmen wir den GWM Ora unter die Lupe. Der kompakte Chinese ist 4,25 Meter  lang, 1,85 Meter breit und 1,60 Meter hoch und geprägt von einem Retro-Design mit Kulleraugen und runden Linien. Damit wirkt er sympathisch-niedlich, ein bisschen wie der Käfer. Aber es ist eher ein Käfer 2.0, denn das Niedlich-Verspielte verschwindet im technisch anmutenden Interieur.

GWM ORA 03 GT
© Great Wall Motors

Topmodel der Baureihe ist der Ora 03 GT, der sich durch sportliche Akzente wie schwarze Stoßfänger und Schweller, 18-Zoll-Leichtmetallräder sowie einen großen Dachkantenspoiler mit integrierten Rückleuchten auszeichnet. Steigen wir also mal ein in diesen Grand Tourismo, und schauen wir, wie er sich in der Praxis bewährt!

Die Sitze in Reihe eins sind bequem, bieten Sitzheizung und Kühlfunktion und lassen sich vielfach elektrisch verstellen. Für größere Erwachsene könnte die Sitzauflage länger sein. Wer sich jetzt umschaut, entdeckt kaum Knöpfe und Schalter. Vor Fahrer und Beifahrer spannt sich ein modernes Cockpit mit einem 10,25-Zoll-Fahrerinformationsdisplay und einem gleich großen Touchscreen-Infotainmentsystem mit vielen Funktionen – einschließlich Navi und digitalem Radioempfang.

Apropos Knöpfe: Es gibt keinen, der das Radio oder die Klimaautomatik regeln könnte. Alles läuft leider nur über den Touchscreen und seine Menüs und Untermenüs. Zudem ist der für die vielen Infos, die angeboten werden, einfach zu klein. Während der Fahrt sollte man also besser nichts neu wählen – es lenkt nur ab. Zwar ist auch eine Sprachsteuerung integriert, doch die muss noch ein bisschen lernen und ist derzeit keine große Hilfe.

Fahrerassistenten und Sicherheitsfeatures gibt es so viele, dass es einfacher ist zu sagen: Es ist alles an Bord! Viele sind eine große Hilfe, aber einige nerven auch. Zwar lässt sich mancher Assi nach einiger Suche auch deaktivieren, aber immer nur für eine Fahrt. Und dann gibt es einen Notlenk-Assistenten. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht: Er greift auch ein, wenn er nicht soll. Auf Landstraßen ohne Mittelstreifen zieht er recht kräftig in die Mitte der Fahrbahn – das heißt also, auf Crashkurs, wenn man nicht aufpasst.

GWM ORA 03 GT
© Great Wall Motors

Und was noch nervt, sind die häufigen Piep- und Warnmeldungen des Bordcomputers. Da heißt es zum Beispiel, man solle nicht geistesabwesend sein! Leider ist die Verkehrszeichenerkennung oft nicht korrekt, was zur Folge hat, dass man dann ermahnt wird, die falsch registrierte Höchstgeschwindigkeit einzuhalten. Also – in dieser Hinsicht gibt es noch Luft nach oben.

Aber genug gemeckert: Richtig gut für einen Kompakten sind die Platzverhältnisse, mit leichten Abstrichen auch im Fond – dank des relativ langen Radstandes von 2,65 Metern. Der Gepäckraum ist für einen Kompaktwagen mit 228 Litern allerdings recht klein. Werden die Rücksitzlehnen umgeklappt, steigt das Ladevolumen auf 858 Liter. Die Türgriffe sind bündig eingelassen und fahren elektrisch aus. Hochwertig anmutende Materialien kommen zum Einsatz, und alles ist mustergültig verbaut. Gute Qualität!

Fahren wir also mal los! Einen Startknopf sucht man vergebens – sobald die Fahrstufe per Drehregler eingelegt ist, fährt der Ora 03 GT einfach. Angetrieben wird der Fronttriebler von einem 126 kW/171 PS starken Elektromotor, dessen maximales Drehmoment von 250 Nm vom Start weg anliegt und für eine beeindruckende Performance des Ora sorgt. Das eher etwas straff abgestimmte Fahrwerk und die direkte Lenkung halten den Kleinen auch in schnell durchfahrenen Kurven sicher in der Spur. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 160 km/h begrenzt, und der Spurt aus dem Stand auf Tempo 100 gelingt in 8,2 Sekunden.

Besonders geeignet ist das Fahrzeug für den City- und Überlandverkehr. Da kann es seine Stärken voll ausspielen. Will man auf längere Reisen gehen, sollte man die Reichweite des Fahrzeugs kennen und schon mal nach Ladestationen an der Strecke Ausschau halten. Mit dem 63,1-kWh-Akku soll der Ora 03 GT bis zu 400 Kilometer weit kommen. Vorsicht, sage ich da nur. Für die meisten E-Fahrzeuge werden Reichweiten angegeben, die man in der Praxis nicht erreichen kann, ohne alle möglichen Verbraucher einschließlich der Heizung auszuschalten und möglichst ohne weitere Passagiere und Gepäck unterwegs zu sein. Real kommt man mit dem kleinen Chinesen so um die 300 Kilometer, aber dann sollte man nachladen. Will man den Akku voll aufladen, ist dafür schon eine Stunde einzuplanen.

GWM ORA 03 GT
© Great Wall Motors

Wo kauft man nun ein solches Fahrzeug, wo kann es gewartet und repariert werden? Und was kostet der ganze Spaß? Letzteres ist am einfachsten zu beantworten. Der GWM Ora 03 GT steht mit 49 490 Euro in der Liste. Man sieht: Es ist kein Schnäppchen! Aber bis auf wenige Extras, und das sind lediglich Wunschfarben in Metallic, ist auch alles an Bord, was man sich wünschen kann.

Zum Vertrieb: Wie gesagt, sind die meisten chinesischen Hersteller erst seit wenigen Jahren auf dem deutschen Markt. Im Januar wurde der Fahrzeugbestand chinesischer Marken mit 70 000 beziffert. Laut Kraftfahrt-Bundesamt haben sie aber in Deutschland ihre Neuzulassungszahlen binnen eines Jahres verdoppelt. So fahren nach den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 weitere 47 000 chinesische Pkw auf deutschen Straßen. Great Wall Motors (GWM) war mit rund 2300 Fahrzeugen dabei.

Insgesamt ist das eine tolle Entwicklung, die aber noch längst nicht das Ende der Fahnenstange ist. Was fehlt in Deutschland beispielsweise, ist ein enges Vertriebs-, Werkstätten- und Händlernetz. Derzeit werden die Fahrzeuge in Deutschland über die Emil Frey Gruppe und rund 50 Vertragspartner vertrieben; der Ausbau auf mindestens 100 Standorte ist geplant. Aber auch das sind zu wenige! Die Vertriebsstrategen des Herstellers setzen vor allem auf neue Modelle und nicht nur auf reine E-Autos, sondern auch auf Verbrenner und Plug-in-Hybride. So weit, so gut.

Aber es geht um die Bekanntheit der Marke, um möglichst kurze Wege zum Händler, in die Werkstätten, zum Probefahren. Chinesische Fahrzeuge sind hierzulande noch keine Selbstläufer. Viele Autobesitzer wechseln ohnehin nur ungern die Marke. Lange hat es gedauert, bis sich Japaner und Koreaner durchsetzen konnten. Deren Erfahrungen könnten nun neben GWM auch BYD, MG, NIO, LYNK & CO., AIWAYS, ELARIS, MAXUS, BAIC, BESTUNE, ChERY, DFSK, JAC, POLESTAR, SERES und SWM noch besser nutzen.

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